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Inspiration – Teil #1

Als Spielleiter für eine Rollenspielgruppe tätig zu sein bedeutet, kreativ zu sein. Neue Ideen werden am laufenden Band benötigt und das Sammelsurium an kuriosen, kreativen und noch nie dagewesenen Einfällen kann niemals groß genug sein.
Um Deine Abenteuer zu stricken, Intrigen zu spinnen, Mordfälle auszuarbeiten, Gemeinheiten auszuhecken, große Liebschaften anzubandeln, ritterliche Turniere zu gestalten, verzauberte Landschaften zu gestalten und Verfolgungsjagden auf hoher See anzubahnen benötigst Du einen nicht enden wollenden Strom der Inspiration.
Wie Dir der Besuch in einem Freilichtmuseum neue Inspiration verschaffen kann, was Du vor Ort finden und wie es im Spiel umsetzen kannst, beschreibe ich im folgenden Beitrag.

Meine neue Themenreihe: Inspiration

Wie Du gesehen hast, trägt der Beitrag den Untertitel „Teil #1“ was impliziert, dass mindestens ein weiterer Teil folgen wird.
Wir Spielleiter sind doch ständig auf der Suche nach Dingen, Orten, Szenerien und Ereignissen die uns inspirieren. Ich ziehe Inspiration und Ideen für meine Abenteuer, Schauplätze und NSCs aus allen möglichen Dingen. Das können Filme sein, Bücher, Musikstücke, Museumsbesuche, Kurzreisen und und und …
Meine Inspirationsquellen möchte ich gern mit Dir teilen – vielleicht kennst Du die eine oder andere Möglichkeit noch nicht oder möchtest in den Kommentaren Deine eigenen Erfahrungen mit mir und Anderen teilen.

Da es mittlerweile so viele Inspirationsquellen geworden sind und ich in so vielen Momenten meines Lebens Ausschau halte nach Ideen fürs Rollenspiel, wäre es zu unübersichtlich, sie allesamt in einem Artikel unterzubringen. Von daher habe ich beschlossen, jeder größeren Inspirationsquelle nach und nach einen eigenen Beitrag zu widmen. Kleinere die übrig bleiben, werde ich ggf. gemeinsam in einem Artikel bündeln.

Von welchen Inspirationen reden wir?

Es sind nicht immer die riesigen, weltverändernden Einfälle die sich gewinnen lassen und man trifft auch nicht immer auf eine epische Idee oder den Beginn einer über Monate andauernden Kampagne. Manchmal sind es kleine Dinge die man aufstöbert. Hin und wieder geradezu aus Versehen und unabsichtlich. Kleinigkeiten, die vielleicht auf den ersten Blick unwichtig zu sein scheinen oder die nicht so recht zu einer konkreten Szenerie passen wollen. Doch dabei handelt es sich oft um Details, die das Rollenspiel lebendig machen, die Eindrücke verdeutlichen, Beschreibungen emotionaler und eingängiger machen oder eine Szene erst vollständig werden lassen.

Kurzum: Es geht darum, sich treiben zu lassen in einem See aus Inspirationsquellen. Welche Quelle in Dir schließlich eine Idee oder ein Bild wecken wird ist zu Beginn der Reise ungewiss. Und eventuell weckt ein und derselbe Ort bei Dir ganz andere Impressionen und Ideen als er es bei anderen Spielleitern täte. Das Spielsystem in dem Du Dich bewegst, die aktuelle Situation der Spielercharaktere, Deine bisherigen Ausarbeitungen, Deine künftigen Planungen und Dein generelles Auge für das Wesen der Dinge werden die Situation beeinflussen.

Aber das ist genau richtig und gut so. Schließlich möchtest Du nicht fremde Inspirationen sammeln sondern Deine eigenen gewinnen. Sei Dir gewiss: Wenn Du Dich auf die Situation einlässt und Dich treiben lässt wird sie früher oder später kommen – die perfekte Idee oder der kreative Einfall die früher oder später Platz in Deinen Abenteuern finden werden.

Das Freilichtmuseum

Freilichtmuseen  stellen Bauwerke und Baudenkmäler aus einem bestimmten historischen Zeitrahmen und einer bestimmten Region aus. Meistens werden die Gebäude an ihren Standorten abgebaut, um sie im Museum wieder aufzubauen. Dort werden sie restauriert, bewahrt, geschützt und für Besucher zugänglich gemacht.

Ein Freilichtmuseum ist oftmals ein „Museum zum Anfassen„. Besucher können die Bauwerke betreten, Gegenstände berühren und in eingeschränktem Maße historische Dinge verwenden. So können z.B. Mühlräder gedreht, Tore geschlossen oder Nachttöpfe unter den Betten hervorgezogen werden.

Hier und dort unterstreichen gewandete Akteure, bewirtschaftete Gärten und Felder oder auf dem Museumsgelände gehaltenes Vieh den historischen Eindruck.

Thematisch finden sich alle Arten von Museen, die alle möglichen Geschmäcker und Interessen bedienen und historische Epochen von der Steinzeit bis zur Frühen Neuzeit zeigen.

Beispiele für Freilichtmuseen

Natürlich gibt es allein in Deutschland Dutzende weitere Freilichtmuseen zwischen Nordsee und Alpen und auch in unseren Nachbarländern findet man wahre Brillanten der Museumskultur. Man denke nur an das französische Projekt von Guédelon in dem nach mittelalterlichen Maßstäben und historischer Handwerkskunst eine Burg erbaut wird. Dass das inspirierend wirkt, brauche ich gewiss nicht extra betonten 😉

Mein Freilichtmuseum

Freilichtmuseum, Inspriation
Ein Speichergebäude im Freilichtmuseum Kommern

Das von meinem Wohnort aus nächstgelegene Freilichtmuseum ist das Freilichtmuseum Kommern. Hier werden Wohnhäuser, Speicher, Gehöfte, Wirtschaftsgebäude, Windmühlen, Schulen etc. aus dem Zeitraum zwischen dem 16. und dem 19. Jahrhundert ausgestellt.

Auf einem weitläufigen Gelände erstreckt sich das Freilichtmuseum zwischen Wäldern, Feldern und grünen Wiesen wie eine Ansammlung kleiner Dörfer. Thematisch sortiert sind diese „Dörfer“ nach den regionalen Fundorten der dort ausgestellten Exponate.
Zwischen den Bauwerken lockern Nutz- und Bauerngärten, von Vieh bewohnte Stallungen und Weiden und Gewässer die Landschaft auf. Auch an Tagen an denen es voll ist im Freilichtmuseum verlaufen sich die Besucher auf dem großen Gelände, sodass man immer genügend Zeit und Raum hat, um sich alles anzusehen.

Freilichtmuseum, Inspiration
Fachwerkhaus im Freilichtmuseum Kommern

Als ich vor Kurzem im Freilichtmuseum Kommern war, fand dort eine besondere Veranstaltung statt. Diese trug den Titel „nach der Ernte“ und veranschaulichte durch den Einsatz etlicher Darsteller und Tiere das uralte Handwerk auf dem Land und Bauernhöfen.
Man konnte hier miterleben und ausprobieren, wie Flachs zu Garn verarbeitet wurde, wie Ziegenmilch gemolken und Honig gewonnen wurde. Alte Gerätschaften wurden ebenso gezeigt wie historische Verarbeitungsmethoden. Gebäck wurde zubereitet, Wolle gefilzt, Obst und Gemüse eingekocht und Holzschuhe gedrechselt.

Überall standen Karren voll frisch geerntetem Gemüse, hier und dort wurden frisch geräucherte Wurstwaren verkauft und allenthalben konnte man Reetdachdeckern, Tischlern oder Fachwerkerrichtern über die Schultern schauen. Und natürlich durfte man auch selbst ausprobieren, mithelfen und den Akteuren Löcher in den Bauch fragen. Das Beste dabei war, dass es sich bei den Akteuren nicht um Schauspieler handelte sondern um echte Handwerker und Mitarbeiter des Freilichtmuseums, die wirklich Ahnung hatten von dem was sie taten.

Alleine schon die zauberhaften Eindrücke die ich auf dem Weg durch das Freilichtmuseum gewinnen konnte, wirkten unheimlich inspirierend und gedanklich erfrischend auf mich. Eine Marktszene zu beschreiben oder den Spielern berichten wie die von ihren Charakteren aufgelesenen Äpfel schmecken? Erklären, wie der Zeitler an den Honig kommt oder weshalb die Holzschuhe einfach nicht richtig passen wollen? Kein Problem mit diesen strahlenden Bildern vor dem inneren Auge!

Inspiration aus dem Freilichtmuseum

Am eindrucksvollsten sind natürlich die Häuser, die man im Freilichtmuseum in aller Ruhe entdecken und erkunden kann.
Hier finden sich jede Menge Details, die sich nicht nur auf Fotos bzw. Handouts gut machen sondern die sich auch hervorragend für Beschreibungen eignen.

#1 Lehmböden

Hast Du Dir schon einmal überlegt, wie der Boden in einem Gasthaus aussehen könnte? Aus Stein, aus Holzbohlen? Wie wäre es zur Abwechslung mal mit festgestampftem Lehm? Wie dieser aussehen kann und weshalb es ausgesprochen schwierig ist, ihn sauber oder gar hygienisch zu halten, erfährt man beispielsweise im Museum. Aber auch, wer sich um Letzteres nicht schert, freut sich vielleicht über tolle Fotografien die sich hervorragend als Handout eignen. Und wer weiß? Vielleicht verbirgt sich in einer der ungezählten Spalten im gesprungenen Lehm ja der Auftakt oder die Lösung eines Rollenspielrätsels 😉

Freilichtmuseum, Inspiration
#2 Wände

Wie Fachwerkhäuser aussehen, weiß jeder. Natürlich sehen sie regional unterschiedlich aus, Architektur, verwendete Materialien und Farben unterscheiden sich. Aber dennoch hat jeder wenigstens irgendeine Vorstellung davon, wie so ein Fachwerkhaus aussieht – von außen. Von innen stellen wir uns am wahrscheinlichsten die renovierten und modernisierten Fachwerkhäuser vor die heute noch stehen. Weiß verputzt mit vielleicht dem einen oder anderen schwarzen Zierbalken, hell und gemütlich.
Doch beschreibst Du so Deinen Spielern ein Fachwerkhaus das im Spiel vorkommt? Wohl eher nicht. Aber wie kann man es sonst beschreiben? Genügen Attribute wie „dunkel, kühl, feucht“ oder Beschreibungen wie „die Wände sind innen nicht verputzt“?
Eigentlich schon – solange das Innenleben des Hauses nicht von besonderer Bedeutung ist.

Aber dennoch wäre – zumindest hin und wieder – eine konkrete Beschreibung angemessen. Viele Spieler neigen dazu, sich die Fantasywelt in der sich ihre Charaktere bewegen so clean und ordentlich vorzustellen wie unsere heutige Welt. Wieso also nicht die Chance nutzen, Deine Welt ein wenig schmutziger und damit realistischer zu gestalten?
Wurmstichige Holzbalken, abgenutzter Lehm an den Wänden, durch Fett und Ruß dunkel gewordene Oberflächen und die Spuren früherer Besucher – das alles trägt zu dichterer Atmosphäre bei.

Ich habe bei meinem Besuch im Freilichtmuseum ein Foto einer Innenwand geschossen und freue mich nun darüber, meinen Spielern demnächst einen besonderen Eindruck geben zu können, wenn sie sich beispielsweise in einer Gaststätte an die unverputzte Wand lehnen. Mit ein paar Staub- und Spinnweben garniert gewinnt das Ganze doch an Farbe und Leben, oder?

Freilichtmuseum, Inspiration
Wandbalken und Lehmverputz in einem Haus im Freilichtmuseum Kommern
#3 Kochstellen

Du hast den Charakteren sicherlich auch schon das eine oder andere Mahl aufgetischt, das fleißige Schankwirte in ihren Küchen zubereiteten oder dass Dörfler oder Städter am heimischen Herdfeuer kredenzten.

Wie genau eine solche Kochstelle aussehen kann, wie Kessel und Zubehör verwendet wurden und wieso sich meist ein Schlafraum auf der Rückseite der gusseisernen Kaminplatte verbarg – das alles erfährt man im Freilichtmuseum.

Freilichtmuseum, Inspiration
Kochstelle im Freilichtmuseum Kommern

Die riesigen Kamine und Rauchabzüge sind beeindruckend und der gewaltige Raum, der den Küchen zu jener Zeit eingeräumt wurde, faszinierend. Hier wird eindrucksvoll klar, wie rar und wichtig Wärme zu jener Zeit war und wie zweckmäßig und multifunktional die Räume von unseren Vorfahren genutzt wurden.

#4 Feuer

Von Feuer geht eine große Anziehungskraft aus. Feuer wärmt, Feuer beruhigt, Feuer fühlt sich heimelig an. Feuer macht gesellig und hat auf den Menschen eine faszinierende Wirkung. Am offenen Feuer lässt es sich vergnüglich beieinander sitzen, verträumt den Gedanken nachhängen oder kochen. Hier wärmt man sich auf, hier isst man, hier ist man in vertrauter Runde.


Feuer regt sie Phantasie an und wärmt das Herz.


Feuer hat etwas archaisches, etwas ursprüngliches – von den Flammen geht eine uralte Kraft aus, die essenziell für uns Menschen ist.

Freilichtmuseum, Inspiration
Feuer zur Flachstrocknung im Freilichtmuseum

Doch Feuer hat noch etwas – etwas sehr sinnliches. Nämlich einen charakteristischen Duft der natürlich nicht von den Flammen an sich sondern von den verbrennenden Holzscheiten herrührt.
Dieser Geruch, der sich in Haaren, Haut und Kleidung festsetzt und den man auch Tage später noch wahrnimmt – manchmal trotz langem Auslüften oder gar Waschen noch.
Dieser Duft triggert in meinem Gehirn sofort und jedes Mal die schönsten Gedanken: Erinnerungen an Mittelaltermärkte und Festivals, Vorstellungen von Rollenspielrunden, Zelten im Schnee, Trekkingurlaube, Abenteuern und Freiheit.

Ich liebe den Duft eines Feuers, seinen Schein, seine Wärme, seinen Charakter. Feuer kreiert für mich Gedanken und Geschichten – es ist die reinste Inspirationsquelle für mich die ich kenne.

Im Freilichtmuseum durfte ein zünftiges Feuer natürlich auch nicht fehlen. Und so war sie für mich wieder da: Die unerschöpfliche Quelle zauberhafter Ideen für meine nächsten Spielrunden 🙂

#5 Vergessene Berufe und Handwerke

Im Freilichtmuseum stolperst Du allenthalten über historische und zuweilen längst vergangene Berufe. Von manchen hast Du garantiert schon gehört, während andere Dir vielleicht gänzlich unbekannt sind. Einige, wie z.B. den Beruf des Zeitlers (Imker) kennst Du vielleicht unter anderem Namen.

Aber eins steht fest: Wenn Du das nächste Mal Dörfer, Städte oder Karten mit Bauwerken, Berufsständen und Handwerkern (Handwerksgilden) füllen möchtest, dann bringt Dir ein Freilichtmuseum wunderbare Anregungen.

#6 Aufbau von Dörfern

Du zeichnest ganz bestimmt auch immer wieder Karten von Dörfern für Deine Rollenspielrunden und Abenteuer?
Vielleicht hast Du Dich dabei auch hin und wieder schon gefragt, wie Du die Bauwerke im Verhältnis zueinander anordnen sollst? Wie viel Platz sollte zwischen den Bauten gelassen werden, welche Form könnte der Dorfplatz haben, wo liegen die Gehöfte?
Je nachdem, wie das Freilichtmuseum das Du besuchst, strukturiert und aufgebaut ist, liefert es eine hervorragende Vorlage zum „Nachbau“ Deines eigenen Dorfes.

Warst Du schon einmal in einem Freilichtmuseum? Hat es Dich inspiriert? Konntest Du Ideen in Deinen Spielrunden umsetzen?

Rollenspielerische Grüße
Janine

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Vielen Dank dafür, dass Du meinen Beitrag gelesen hast. Ich freue mich, wenn er Dir gefallen hat und Dir weiterhilft, Dich inspiriert und Dich informiert.

Ich bin seit 1999 leidenschaftliche Fantasy-Rollenspielerin, Spielleiterin, Autorin (Romane, Ratgeber, Rollenspielabenteuer) und Illustratorin von Rollenspiel-Karten. Außerdem bin ich begeisterte Convention-Besucherin, liebe Fantasy und Phantastik und sammele gern Dinge, die ich für meine Rollenspielrunden (z.B. als Handouts) verwenden kann.

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4 Kommentare

  • Matthias

    Ein wundervoller Artikel, der mich auf neue Ideen gebracht hat. Danke!

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    • Janine Kau

      Lieber Matthias,

      vielen Dank für Deinen lieben Kommentar! Ich freue mich sehr darüber, dass er Dir neue Ideen beschert hat und dass Du Freude beim Lesen hattest!
      Ganz liebe Grüße
      Janine

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  • Frosty Pen&Paper

    Sehr schöner Artikel =)
    Ich mag Freilicht und Freiluft Museen auch sehr gerne.
    Bin ab und zu mal in verschiedenen, teilweise darf man auch an einer Schmiede stehen.

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    • Janine

      Heyas Frosty,

      danke Dir für Deinen Kommentar! 🙂
      Oh ja, an einer Schmiede durfte ich mich auch schon versuchen. Das war eine ganz großartige Erfahrung! Auch an einem Harfner-Workshop durfte ich schon teilnehmen, Filzen, Flachs hecheln und Fachwerk bauen. Leider gibt es davon keine Bilder – aber ganz großartige Erinnerungen!

      Liebe Grüße
      Janine

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