Private Eye - Ein Rollenspiel im viktorianischen London
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Private Eye – Im viktorianischen London

Am Samstag durften Christian und ich das Rollenspiel Private Eye auf der Feen Con in Bonn austesten. Die Runde wurde exklusiv geleitet von einer der Verlagsmitarbeiterinnen der Redaktion Phantastik, was ich wirklich toll fand!
Was für eine Art Rollenspiel Private Eye ist, wie wir zu der Gelegenheit kamen, das Spiel austesten zu dürfen, wie mir das Spiel gefallen hat und ob ich das System weiterempfehle, erfährst Du im folgenden Beitrag.
Wenn Du Private Eye besser kennst als ich, lass mir gern einen entsprechenden Kommentar da 🙂

 

Private Eye für eine Fantasyrollenspielerin?

Ich gebe es zu: ich bin ein eingefleischter Fantasy- und Historienfan. Ich liebe Fantasysettings, Fantasyillustrationen, phantastische Musik, mittelalterliche Lieder, historische Instrumente, alte Bauwerke, Museen, Ruinen und Burgen, archaische Filmkulissen und High Fantasy – sowohl als Film wie auch als Buch. Ich spiele und spielleite seit 1999 Fantasy-Rollenspiele, habe eine eigene Fantasywelt kreiert, habe Romane darin angesiedelt, zeichne Fantasykarten und liebe Tutorials und DIYs zu historischem Handwerk, Speisen oder Lebensart.

Meine Ausflüge in andere Genres sind – zumindest was das Rollenspiel anbetrifft – bisher immer nach kurzer Zeit im Sande verlaufen. Ich hatte während der Runden zwar Spaß und könnte mir vorstellen, immer wieder kleine Ausflüge in die Welt der Science Fiction, Werwölfe und historische Settings zu unternehmen, mehr allerdings nicht. Mein Herz hängt an Fantasyrollenspielen, hier hinein fließt meine ganze Leidenschaft und mein ganzes Herzblut. Für mich hat Rollenspiel vor allem etwas mit Magie zu tun, mit Übersinnlichem, mit Elfen, Zauberwäldern, Zwergen, tiefen Bingen, Dämonen, phantastischen Kulturen, Sprachen usw. Also mit Dingen, Kulturen und Wesen, die es in der Realität nicht gibt.

Im Rollenspiel möchte ich ein Magier sein oder ein Dieb, der sich mit den Möglichkeiten eines mittelalterlich inspirierten Hintergrundes Zutritt zu anderer Leute Häusern verschafft. Ich möchte mich unsichtbar machen können und mich mit Feenwesen auseinandersetzen. Ich möchte fremden Göttern huldigen und mich vor Dämonen, Vampiren und schwarzen Rittern fürchten. Ich möchte ein Schwert in den Händen halten oder ein Schlachtbeil, vielleicht auch einen Zauberstab oder einen magischen Almanach.

Was ich nicht möchte ist, eine Figur zu spielen, die realitätsnahe Fußspuren betritt, die Anwalt ist, Gärtner oder Computernerd. Ich möchte niemanden spielen der in Turnschuhen zum Joggen geht, abends einen Burger im Schnellimbiss verdrückt oder seiner Freundin eine Whatsapp-Nachricht schickt.
Das ist mir zu nah am realen Leben, zu nah an meinem wirklichen Ich, zu sehr an meiner eigenen Lebenswirklichkeit orientiert. Und ja, natürlich weiß ich, dass sich Welten wie das Shadowrun-Universum in vielerlei Hinsicht von unserer Welt und unserer Zeit unterscheiden – die Parallelen sind mir aber trotzdem noch zu intensiv. Mir fehlt hier irgendetwas, das die Atmosphäre ausmacht, die ich fürs Rollenspiel brauche, die in meinem Bauch ein Kribbeln hervorruft und mich voller Begeisterung auf die nächste Runde warten lässt.

Natürlich habe ich in den vielen Rollenspieljahren die hinter mir liegen viele Ausflüge in andere Welten, Genres und Settings gewagt. Christian hat einen ganzen Fundus von Shadowrunbüchern hier und auf Conventions oder ähnlichen Veranstaltungen haben wir immer mal in andere Systeme hineingeschnuppert. Aber dabei blieb es zumeist auch. Bisher schaffte es kein Setting außerhalb der Fantasy, mich zu packen, mich zu fesseln und mich so sehr zu binden, dass ich mich verliebt hätte. Es blieb stets bei wirklich netten Spieleabenden, die sich aber im Nachgang viel weniger nach Rollenspielrunden als nach „normalen Spieleabenden“ anfühlten. Nett eben … mehr nicht. Auch, wenn wir mehrere Spielrunden hintereinander in diese Welten eintauchten, sprang leider kein Funke über – in dieser Hinsicht bin ich wohl funkenresistent.

Wie Du siehst: Ich bin genau der Typ Rollenspieler, der genau einmal gar nicht dafür geeignet erscheint, um Private Eye zu testen 😉

 

Wie ich zu Private Eye kam

Auf der Rollenspielconvention am 21.07., der Feen Con schlenderten Christian und ich entlang der Verkaufsstände, kamen mit Händlern ins Gespräch, hörten anderen Gespräche mit an und blätterten durch die Ansichtsobjekte der Auslagen.
An einem Stand hielt Christian plötzlich ein großes, schweres Hardcoverbuch in den Händen – das Grundregelwerk zu Private Eye. Weder ihm noch mir sagte der Titel des Rollenspiels etwas. Doch das ansprechend gestaltete Cover und der Titel, der für uns eine gelungene Fusion zwischen London Eye und Private Detective darstellt, wollte ganz eindeutig einem näheren Blick unterzogen werden.

 

Christian blättert im Private Eye Grundregelbuch
Christian blättert im Private Eye Grundregelbuch

Schnell kamen wir mit zwei sympathischen Verlagsmitarbeiterinnen ins Gespräch, die uns verschiedenes über die Geschichte von Private Eye erzählten, unsere Fragen beantworteten und weitere Werke des Rollenspiels vorstellten. Dabei erfuhren wir, dass es Private Eye seit mittlerweile 30 Jahren am Markt gibt und dass es eine deutsche Produktion ist, die allerdings mittlerweile ins Englische übersetzt wurde. Herausgeber ist, wie gesagt, die Redaktion Phantastik.

Sylvia Schlüter bemerkte unser Interesse und teilte uns mit, dass sie um 14:00 eine Spielrunde auf der Feen Con leiten würde und dass wir uns eintragen könnten, wenn wir wollten.
Eigentlich hatten Christian und ich vorgehabt, eine Runde DSA oder Splittermond zu spielen, doch da wir beide Systeme schon kennen, erschien es uns verlockender, in eine neue Welt hineinzuschauen. Außerdem ist Christian als Historiker natürlich immer an historischen Settings interessiert – besonders dann, wenn sie gut recherchiert und fundiert sind, was uns Sylvia zusagte.
Auch mir gefiel die Idee, ein paar Stunden im viktorianischen England zuzubringen. Also stöberten wir noch eine Weile durch das Regelwerk von Private Eye und trugen uns dann für Sylvias Runde ein, ehe alle Plätze voll waren.

 

Private Eye – die Spielwelt

Die Spielwelt von Private Eye ist, was Übersinnliches, Magier, Elfen und Orks angeht, vollkommen leer gefegt. Sie orientiert sich vollständig am London und England des viktorianischen Zeitalters und bildet damit den perfekten Hintergrund ab für Abenteuer rund um das Englische Königshaus, die Mordserie von Jack the Ripper oder dem Autoren Charles Dickens. Natürlich kommt dabei auch der Esprit von Sherlock Holmes nicht zu kurz – immerhin handelt es sich bei Private Eye um ein Detektivrollenspiel. Und in wessen Fußstapfen würde man da lieber treten, als in die des berühmtesten Privatdetektivs aller Zeiten?

Wir haben Sylvia gefragt, ob Private Eye nur in England oder gar ausschließlich in London angesiedelt ist, aber dem ist nicht so. Es gibt bereits Abenteuer, die in den Vereinigten Staaten spielen und selbstverständlich können Spielleiter auch eigenständig Ausarbeitungen zu anderen Ländern erstellen. Der Schwerpunkt des Rollenspiels liegt allerdings tatsächlich auf England und dabei in London – denn welche Kulisse eignet sich hervorragender für ein feinsinniges Detektivabenteuer, wenn es denn ein klassisches sein soll?

Auf den ersten Blick mag diese räumliche Fixierung einschränkend wirken, besonders für Rollenspieler, die sich bisher auf riesigen Welten oder gar in ganzen Universen tummelten. Wer allerdings Investigativrollenspiele liebt und sich für Private Eye entscheidet, der wird dies vermutlich aus genau diesem Grund tun – man möchte und kann an seinem Lieblingsort spielen und eintauchen in eine großartig zum Thema passende historisch belegbare Zeit. Das kann eben nur ein realistisch aufgebautes Rollenspielsystem leisten und kein DSA, D&D oder MIDGARD, wo man zwar auch investigative Abenteuer spielen kann, aber niemals im viktorianischen England. Klar, es gibt MIDGARD 1880 und andere historisch inspirierte Rollenspiele. Ob sie dieselbe akribische Hintergrundrecherche aufzubieten haben wie Private Eye vermag ich aber (aktuell) nicht zu beurteilen.
Und einen weiteren Vorteil hat das Ganze: England und besonders London konnte natürlich besonders intensiv ausgearbeitet werden. Sogar eine historische Stadtkarte hat den Weg in das Grundregelwerk gefunden.

 

Private Eye Grundregelwerk
Cover des Private Eye Grundregelwerks

 

Private Eye – Das Grundregelwerk

Das Grundregelwerk umfasst 256 Seiten und liegt seit Herbst 2016 in der mittlerweile 5. Edition vor. Es ist in einen Hardcovereinband eingeschlagen und enthält im Inneren Seiten aus normalem Papier, die in Schwarz, Weiß und Grautönen bedruckt sind.
Neben dem Text enthält das Buch auch einige Illustrationen – wenn  mich nicht alles täuscht, stammen diese von Sabine Weiß.
Die Gesamtaufmachung gefällt mir sehr gut. Das Buch ist ansprechend gestaltet, Druck, Cover und Einband wirken hochwertig, die Seiten sind übersichtlich, das Layout ist äußert ansprechend und die Kapitel sind sehr gut unterteilt. Ein ärgerlicher Fauxpas, der aber den Inhalt und die Qualität des Buches nicht schmälert sondern lediglich dem Innendesign schadet, ist ein Schreibfehler im Kapitel Kriminalität. Während links am Seitenkopf das Wort korrekt geschrieben ist, prangt rechterhand in großen Buchstaben das Wort Krtiminalität. Natürlich bleiben die Augen daran hängen. Und natürlich wurden Sylvia und ihre Kollegen schon etliche Male darauf angesprochen.
Ärgerlich aber gut. Kann passieren und tut dem Inhalt des Buches keinerlei Abbruch.

Das Grundregelwerk umfasst insgesamt fünf Kapitel und damit natürlich auch die Klassiker: Die Spielregeln, ein Abenteuer und Hintergrundinformationen.

Das Regelwerk selbst umfasst lediglich 30 Seiten und ist laut Sylvia wenig komplex und sehr einsteigerfreundlich, was sich auch in den übersichtlichen Charakterbögen widerspiegelt. Außerdem benötigen Spieler kein Würfelsammelsurium sondern lediglich einen W100, oder zwei W10, um Private Eye zu spielen und auch während der Charaktererschaffung. Natürlich werden noch Boni oder Mali vergeben, um bestimmte Eigenschaftswerte zu modifizieren, aber im Gegensatz zu wilden Rechen- und Würfelsessions anderer Rollenspiele kommt Private Eye deutlich schlichter und aufgeräumter daher.
In unserer Testrunde auf der Feen Con hätten wir tatsächlich keinen einzigen Würfel benötigt und es hätte niemand am Tisch gewürfelt, wenn nicht zwei Spieler Würfeltests für Fertigkeiten eingefordert hätten.
Ich bin zwar auch kein Freund von ausgedehnten Würfelorgien und rollenspiele lieber als stundenlang herumzuwürfeln, aber dennoch gehört das Würfeln für mich zum Rollenspiel dazu. Und meinen Würfelbeutel die gesamte Zeit über verschlossen neben meinen Blättern liegen zu sehen, erfüllte mich während unserer Runde mit Wehmut.
Dieser Aspekt – wenn er denn vom Spiel so vorgegeben oder empfohlen wird und nicht zu Sylvias eigenem Stil gehörte – bedeutet für mich ganz klar einen Abstrich in Bezug auf die Spielfreude. Aber es obliegt ja jedem Spielleiter, frei zu entscheiden wen er wann auf welche Fertigkeiten oder Basiswerte testen lassen möchte.

Die Charakterklassen die man spielen kann, unterscheiden sich wesentlich von denen, die mir von anderen Systemen her geläufig sind. Bei Private Eye spielt man Menschen mit real existierenden Berufen und Ständen, wie z.B. einen Gerichtsmediziner, einen Adeligen oder einen Anwalt.

 

Private Eye - Charakterbogen und Hintergrundgeschichte
Private Eye – Charakterbogen und Hintergrundgeschichte

Ob aus den umfangreichen Hintergrundinformationen zu Ort und Zeit, in dem sich auch ein Kapitel zum Rollenverständnis der Frau befindet hervorgeht, dass man bespielsweise kein männliches Kindermädchen oder keinen weiblichen Anwalt spielen darf, ist mir nicht bekannt. Aber wer sich beim Rollenspiel strikt an die historischen Vorgaben hält, wird als Rollenspielerin die gern weibliche Charaktere spielt, vermutlich auf ein eingeschränktes Figurenarsenal zurückgreifen müssen.
Mir persönlich ist das egal – in meinen Fantasyrunden spiele ich ohnehin am liebsten Männer und auf Conventions sind mir sämtliche Geschlechter, Rassen, Klassen und Gattungen gleichermaßen recht 🙂

Die übrigen Kapitel des Buches beschäftigen sich mit dem historischen Hintergrund, enthalten ein umfangreiches Stadtlexikon und widmen sich der Kiminalistik im viktorianischen Zeitalter.
Ein Spielleiter, der kein Englandexperte oder Historiker ist tut gut daran, sich in die Hintergründe einzuarbeiten. Doch auch für Spieler sind die Hintergründe (so sie nicht abenteuerrelevant und damit geheim sind) sehr interessant, um sich auf das Setting vorbereiten und einstimmen zu können.

Das beiliegende Abenteuer letztlich ist sehr ausführlich beschrieben und mit schönen Handouts angereichert.

Und als besonderes Schmankerl liegt dem Buch eine farbige A1-Karte vom London des Jahres 1895 bei.

 

Private Eye – investigativ

Private Eye ist ein Investigationsrollenspiel, ein System dessen (einziger?) Schwerpunkt es ist, in den Abenteuern Kriminalfälle zu generieren und von der Abenteurergruppe aufklären zu lassen.
Man schlüpft in die Rolle von Scotland Yard Inspektoren, Anwälten, Privatdetektiven, Gerichtsmediziner, seriösem oder Boulevard-Journalist oder Kriminologen. Und dann untersucht man gemeinsam den Tatort, sichert Spuren, befragt Zeugen, verhört Verdächtige, untersucht Leichen und Diebesgut, nutzt Kontakte und Informanten und klärt das Verbrechen am Ende hoffentlich auf. Zur Verfügung stehen den Spielern sämtliche Methoden der Kriminalistik des viktorianischen Zeitalters und natürlich ihre eigenen Ideen.
So, wie Private Eye auf mich wirkte, war es das aber auch größtenteils schon. Klar, Verbrechen sind vielfältig. Morde geschehen, Diebstähle, Entführungen, Kindesentzug, Erpressung, Vergewaltigung usw. Die Hintergründe sind jedes Mal anders, die Tathergänge ebenfalls und natürlich sind die Ermittlungen verschlugen, abwechslungsreich und immer wieder wieder neu und besonders.

Dennoch bleiben die Stories Kriminalfälle und nur solche.
Für mich ist das ein wenig so als dürfte ich von nun an nur noch Krimis lesen. Keine anderen Genres, lediglich Krimis. Und vielleicht noch Thriller.
Das ist mir doch etwas arg wenig. Zugegeben, ich bin auch nicht der typische Krimileser und daher ist meine Meinung vermutlich nicht repräsentativ. Ich liebe, was Genres angeht, die Abwechslung. Klar lese ich auch gerne mal einen guten Krimi oder noch lieber einen Thriller und manchmal dürfen auch zwei aufeinander folgen. Aber dann brauche ich Abwechslung durch andere Genres, Settings und Hintergründe.
Und so geht es mir im Rollenspiel auch. Habe ich mit meinen Spielern gerade ein Detektivabenteuer durchgespielt, können sie und ich uns sicher sein, dass das nächste Abenteuer nichts mit detektivischen Ermittlungen zu tun haben wird. Vermutlich auch nicht das übernächste.

Ich kann mir aber sehr gut vorstellen, dass ein Rollenspieler, der ganz verrückt nach Krimis ist und der Thriller und Ermittlungen liebt, mit Private Eye voll auf seine Kosten kommt. Wer dazu noch London liebt oder das viktorianische Zeitalter, wird bei Private Eye nicht nur sehr gut aufgehoben sein sondern vermutlich sein Rollenspiel gefunden haben!

 

Mein Fazit zu Private Eye

Meine Erfahrungen zu Private Eye basieren auf einer etwa vierstündigen Rollenspielrunde, dem Durchschmökern des Regelwerkes, der Unterhaltung mit Sylvia und meinen Internetrecherchen zum Grundregelwerk.
Dass das nicht besonders viel ist und mein Fazit daher auf wackeligen Füßen steht, ist klar. Dennoch möchte ich ein paar kurze Abschlusszeilen schreiben, damit Du weißt, wie mein erster, kurzer Eindruck ausfällt.

Ich freue mich über jedes deutsche Rollenspiel am Markt. Und wenn es so hübsch aufgemacht und hochwertig daherkommt wie Private Eye, hat das System gleich einen Stein bei mir im Brett.
Dass reine Detektivabenteuer nicht meinen Geschmack treffen können, wusste ich natürlich schon vor der Spielrunde. Und dass es ein Rollenspiel, das auf unserer Welt spielt, unfassbar schwer hat, meinen Geschmack zu treffen, war mir natürlich ebenso klar. Auch, dass die Übernahme von realen Berufen und historisch nachempfundenen realen Positionen und Ständen nicht meinen Anspruch an ein Rollenspiel erfüllen, habe ich ebenfalls gewusst.
Was ich im Vorfeld aber nicht wusste war, dass ausgerechnet alle diese Punkte auf Private Eye zutreffen werden. Ich fand die Aussicht auf den viktorianischen Hintergrund interessant und erwartete ein klein wenig Steampunk oder Fantasy-Crossover wie bei dem Wandelnden Schloss.

Als ich dann von Sylvia erfuhr, dass ich weder Zauberei noch wandelnde Maschinen antreffen werde, stellte ich mich auf phantasievolle Charaktere ein und war gespannt, ob ich vielleicht einen Landstreicher oder einen Zeitungsjungen spielen würde und ob Christian möglicherweise einen Zirkusartisten oder einen Kutscher verkörpern würde. Dann saßen wir am Spieltisch und Sylvia vergab die Rollen rund um den Chief Inspector von Scotland Yard an uns aus, die Du weiter oben im Text findest.
Ich erhielt die Rolle eines Anwalts. Da war ich zugegebenermaßen etwas enttäuscht. Nicht, weil ich den Anwalt erhalten hatte und weil ich lieber eine der anderen Rollen gespielt hätte, sondern weil mich alle sechs Charakterklassen gleich wenig interessierten. Ein Anwalt versprüht für mich eben kein Esprit und keinen Reiz und besonders dann nicht, wenn er im steifen viktorianischen England mit Anzug, Hut und Stock siezend mit dem Kriminologen ins Gespräch kommt.

Zu sämtlichen Rollen fehlten mir die Hintergrundinformationen und erst recht im Bezug auf den historischen Hintergrund. Ich habe keine Ahnung vom englischen Rechtssystem um 1890 und die zwar liebevoll geschriebenen aber natürlich gezwungenermaßen oberflächlichen Hintergrundinformationen die Sylvia mir ausgehändigt hatte, halfen mir leider auch nicht viel weiter.
Außerdem fand ich den Gedanken reizlos, Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens zu spielen, die offizielle Posten bekleideten und geregelten Berufen nachgingen. Schnell hallte mir durch den Kopf, dass das so ähnlich wäre wie in einem Fantasyrollenspiel eine Spielergruppe mit dem Hauptmann der Stadtgarde, der Leibwache des Königs, dem Erzmagier der städtischen Gilde, dem königlichen Coroner, einem Adlatus und einem Lord zu besetzen. Das fände ich ähnlich steif und unattraktiv.

Dass sich das Abenteuer darum drehte einen Mordfall aufzuklären, war für mich völlig in Ordnung. Wie gesagt sind Investigativabenteuer zwar nicht mein liebstes Genre, aber hin und wieder spiele ich sie gern und von daher war dies kein Punkt an dem ich mich störte.
Das Abenteuer war perfekt auf die Con und den veranschlagten Zeitrahmen abgestimmt (Sylvia spielleitert dieses Abenteuer laut eigener Aussage auch schon seit 15 Jahren auf Cons), enthielt die eine oder andere kniffelige Überlegung, eine Wende und eine interessante Storyline.

Gestört hat mich, dass wir nicht zum Würfeln kamen und die Werte und Angaben auf den Charakterbögen – vom Namen einmal abgesehen – einschließlich der Ausrüstung der Charaktere von vollkommener Belanglosigkeit waren. Das finde ich schade. Ich habe den Charakter zwar vorerstellt entgegen genommen, doch wenn ich mir überlege, dass sich jemand Mühe macht, um einen Charakter zu generieren, ihn mit Fertigkeiten und Items ausstattet und ich am Ende einfach nur einen random Namen mit Beruf X spiele, dann frage ich mich, was die Charaktere – von ihren Befugnissen und Möglichkeiten, die aus ihren Berufen resultieren einmal abgesehen – unverwechselbar und besonders macht.

 

Am Spieltisch - Die Hintergrundinformationen zu meinem Anwalt
Am Spieltisch – Die Hintergrundinformationen zu meinem Anwalt

 

Für diese eine Spielrunde habe ich Private Eye gern gespielt. Ich habe lockere, lustige Stunden in einer sympathischen Rollenspielgruppe erlebt und ein neues System kennen gelernt, was ich immer vorteilhaft finde. Aber, und nun kommt der Teil meines Berichtes, den ich am wenigsten gern schreibe, ich habe recht bald festgestellt, dass Private Eye nichts für mich ist. Zumindest nicht auf Dauer. Gern im kommenden Jahr noch einmal für ein paar Stündchen auf der Feen Con, aber nicht dauerhaft zu Hause in einer meiner Rollenspielrunden.

Dafür sagen mir Setting und Weltgestaltung nicht genug zu und vor allem der rein auf Kriminalistik ausgelegte Charakter-, Abenteuer- und Settinghintergrund harmonieren nicht mit meinen Vorstellungen vom perfekten Rollenspiel.

Ich kann mir aber sehr gut Spieler vorstellen, für die genau dieses Rollenspiel das beste ist, was der Markt zu bieten hat. Fundierte Informationen, eine hervorragende Recherche, leicht zu verstehende und einsteigerfreundliche Regeln, eine tolle Großformatkarte, der Bezug zur Realität, keine phantastischen Rassen und Klassen, wenig Würfelei und nicht zuletzt das viktorianische Setting verleihen Private Eye einen besonderen Reiz und Charme, den ein anderes Rollenspiel erst einmal toppen muss.

Von daher kann ich nur sagen: Wenn Du die Gelegenheit hast, probiere Private Eye unbedingt einmal aus. Oder komme mit Sylvia und ihren Kollegen ins Gespräch. Es lohnt sich definitiv!

 

Wo kann ich Private Eye kaufen?*

Private Eye ist unter Anderem erhältlich bei Amazon* oder im Shop der Redaktion Phantastik.

 

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Wie steht es mit Dir? Magst Du Investigationsabenteuer oder ziehst Du andere Abenteuertypen vor? Kennst Du Private Eye oder hast bereits Erfahrungen mit dem Rollenspiel gesammelt? Schreib‘ mir gern in die Kommentare, was Deine Erfahrungen im viktorianischen London sind 🙂

 

Rollenspielerische Grüße
Janine

 

 

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Ich bin seit 1999 leidenschaftliche Fantasy-Rollenspielerin, Spielleiterin, Autorin (Romane, Ratgeber, Rollenspielabenteuer) und Illustratorin von Rollenspiel-Karten. Außerdem bin ich begeisterte Convention-Besucherin, liebe Fantasy und Phantastik und sammele gern Dinge, die ich für meine Rollenspielrunden (z.B. als Handouts) verwenden kann.

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